Die Wirecard-Aktie bricht schon wieder dramatisch ein

Nachdem heute um 14:15 Uhr die Wirecard-Aktie in den Keller ging und den DAX nach unten zog, versuchten der CEO und COO noch verzweifelt den Absturz zu bremsen und kauften 1.000 eigene Aktien ein. Damit hat diese Affäre eine dramatische Wendung genommen, welche den einstigen Liebling der Börse in den Abgrund ziehen könnte.

Im letzten Monat schickte ein Bericht in der Financial Times bereits die Aktien von Wirecard um 20 % nach unten, in welchem über interne Ermittlungen zu einem weitreichenden Betrug in der Finanzbuchhaltung in dieser Firma informiert wurde. Man berief sich dabei auf die Informationen von Insidern und zum damaligen Zeitpunkt wollte das unter den Analysten keiner richtig wahrhaben. Deshalb wurden diese Recherchen der Financial Times von einem Beobachter sogar als Fake News bezeichnet. Doch er sollte sich gründlich täuschen.

Heute kam die Financial Times mit einer viel umfassenderen Geschichte um die Ecke, weil man einen Informanten auftreiben konnte, welcher direkt in die Manipulationen involviert war. Dieser konnte eine Kopie der Ermittlungen einer Anwaltskanzlei beschaffen, welche mit erstaunlicher Genauigkeit die Vorgänge in Asien beschrieb. Und dieses Mal können die Analysten diese Story nicht einfach ignorieren, weil die wichtigsten Anschuldigungen von einer der renommiertesten Anwaltskanzleien in Asien aufgesetzt wurden. Das Unternehmen fälschte seine Geschäftsunterlagen, als es darum ging, sich die regionalen Zahlungsdienstleistungen von Citigroup in Asien einzuverleiben. Man wollte sich weltweit aufstellen und mit diesem Vorhaben konnte man sein Netzwerk von Zahlungsdienstleistungen zwischen Indien und Neuseeland aufspannen.

Um dieses Ziel zu erreichen, überredete man die Chefs regionaler Unternehmen zur Ausweitung ihrer Transaktionen, indem man sich in kurzer Zeit gegenseitig bestimmte Summen hin und her transferierte. Man veranstaltete deshalb extra in Singapur ein Seminar, in welchem man die Grundzüge der Bilanzfälschung anhand praktischer Beispiele den Teilnehmern ausführlich erklärte. Hierdurch erzielte man ein Handelsvolumen, welches die Aufsichtsbehörden in Hongkong davon überzeugen sollten, dass Wirecard eine Lizenz zum Vertrieb von Prepaid Karten auf chinesischem Territorium bekommen musste. Damit wollte man sich das Geschäft für Zahlungsdienstleistungen von Citigroup in Asien mit 20.000 Händlern in 11 Ländern zwischen Indien und Neuseeland unter den Nagel reißen.

Auf diesem Seminar in Singapur wurde gezeigt, wie zunächst eine Geldsumme aus der zu Wirecard gehörigen Bank in Deutschland auf das Konto einer nur zum Schein existierenden Niederlassung von Wirecard in Hongkong transferiert wurde. Von dort ging die Geldsumme zu einem fiktiven externen Kunden und dann wieder zurück zu Wirecard nach Indien. Für die lokalen Aufsichtsbehörden sah das als ganz normales Geschäft aus, obwohl nur Geld von einem Konto zum nächsten bewegt wurde. Dieses Verfahren wurde laut der Financial Times zur Beruhigung der zuständigen Behörden in Asien durchgeführt, woraus man durchaus schließen kann, dass es nicht das Werk eines einzigen bösartigen Mitarbeiters war, wie man nach dem ersten Bericht der Financial Times noch argumentierte. Ein einzelner Mitarbeiter hätte das lediglich in seinem Zuständigkeitsbereich für eine überschaubare Zeit durchführen können. Aber es dauerte mehrere Jahre lang und über den ganzen asiatischen Raum hinweg an. Der Financial Times liegen außerdem Unterlagen vor, dass zumindest zwei leitende Angestellte in der Zentrale in München davon wussten. Mit diesem Trick wollte man den Anlegern hauptsächlich vortäuschen, dass man in den 1,4 Billionen schweren Markt der Überweisungen eintreten und ihn erobern konnte. Deshalb sollte man jetzt generell alle Zahlen dieser Firma mit größter Vorsicht genießen. Wirecard stieg innerhalb weniger Jahre zu einem Zahlungsdienstleister mit einem Gesamtumsatz von 20 Milliarden Euro auf und verdrängte damit im DAX die einstigen Schwergewichte Deutsche Bank und Commerzbank. Das hört sich toll an, aber dazu muss man etwas sehr viel besser machen als andere, was hier nicht unbedingt der Fall war.

Der Informant der Financial Times leitete zunächst die internen Ermittlungen ein, nachdem ein Regionalmanager von Wirecard doch tatsächlich die Unverfrorenheit besaß und eine Schulung zur systematischen Durchführung des Betrugssystemes für alle Mitarbeiter im Januar 2018 durchführte. Der erste Zuträger brachte den Stein ins Rollen, nachdem er sich den externen Rechtsberatern des Unternehmens anvertraut hatte. Ein weiterer Informant meldete sich im Februar und April 2018 mit seinen Beobachtungen bei den internen Ermittlern, indem er ihnen einen verdächtigen Vertrag übergab, welchen er über den verschlüsselten Nachrichtendienst Telegram aus der Zentrale erhalten hatte. Erst nachdem die E-Mail-Unterlagen der beiden Informanten erfolgreich auf ihre Richtigkeit überprüft werden konnten, ließ man ein Team der Anwaltskanzlei Rajah & Tann aus Singapur mit ehemaligen Staatsanwälten in ihren Reihen ihre Arbeit aufnehmen.

Am 4. Mai 2018 lieferte Rajan & Tann einen für Wirecard vernichtenden Bericht mit einem Umfang von 30 Seiten über die ungeheuerlichen Vorgänge in Asien ab. Doch damit nicht genug, setzte das Management in München einen Leitenden Angestellten von Wirecard als Aufseher über diesen Skandal ein, welchen er selbst mitzuverantworten hatte. Die Anwaltskanzlei in Singapur warnte vor diesem Schritt, aber die Firmenzentrale beließ es dabei. Man wollte also keinen Kurswechsel durchführen, sondern alles weiterhin so laufen lassen wie es war. Es wird also in nächster Zeit bei Wirecard sehr spannend werden und in einem globalen Finanzsystem der Raubwirtschaft kann es durchaus sein, dass wirklich alles so bleibt, wie es war. Solange man keinen aus dem System schädigt und die Leitmedien kaum darüber berichten, wird es zu keinen ernsthaften Konsequenzen kommen. Aber der steile Aufstieg von Wirecard ist definitiv beendet. Man wird vermutlich den einen oder anderen wackelnden Mitarbeiter entfernen und dann diese Firma in Einzelteilen möglichst geräuschlos abwickeln. Der Aktienwert wird deshalb eventuell nicht mit einem Schlag nach unten krachen, sondern nur langsam gegen Null konvergieren.

Doch Wirecard hatte schon im letzten Jahrzehnt einen Skandal zu verarbeiten und machte das sehr erfolgreich, wie wir jetzt sehen können.


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