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Ein klarer Freispruch für Willi Herrmann

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Es würde sich zwar um einen Freispruch mangels Beweisen handeln, aber im Zweifel hat man zumindest früher in diesem Land für den Angeklagten entschieden. Ich habe mir die pdf-Datei des Sonderdrucks zum Thema „Willi Herrmann“ heruntergeladen und natürlich auch gelesen.

Das einzige, was man ihm anscheinend nachweisen konnte, wurde ihm schon in seiner Zeit bei der Reichswehr zur Last gelegt und führte zu seiner Versetzung in eine Strafkompanie. Was es genau war, konnte man scheinbar nicht mehr in den Archiven herausfinden.

Das wirft in der Tat ein sehr schlechtes Licht auf ihn und deshalb hätte man ihn nach 1945 etwas genauer in seinem vermeintlichen Entnazifizierungsverfahren unter die Lupe nehmen sollen.

Die Realität sah im Nachkriegsdeutschland aber ganz anders aus. Bis 1947 wurde das Thema der Entnazifizierung noch ziemlich ernst genommen, weil die Nazis bis zu diesem Zeitpunkt ganz andere Probleme hatten.

Sie mussten sich in erster Linie darum kümmern, dass sie wieder in Amt und Würden kamen. Dank des kalten Krieges und der Unterstützung der Alliierten war dies Ziel bis Anfang der fünfziger Jahre erfüllt.

An diesem Zeitpunkt funktionierten die braunen Seilschaften wieder perfekt und deshalb konnte auch ein Willi Herrmann ganz leicht durch die Maschen schlüpfen.

Deshalb dauerte die Aufdeckung derart lange, nämlich über 70 Jahre. Er wurde in den sechziger Jahren nur deshalb von der Polizei in Konstanz verhört, weil sich ein mutiger hessischer Generalstaatsanwalt namens Fritz Bauer persönlich für die juristische Aufarbeitung der NS-Zeit einsetzte.

In dem erst 2014 erschienenen deutschen Kinospielfilm „Im Labyrinth des Schweigens“ kann man sehr spannend dargestellt sehen, wie mächtig die Nazis noch in der jungen Bundesrepublik waren. Ohne Fritz Bauer hatte es die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt zu Beginn der sechziger Jahre nicht gegeben.

Die 2018 Willi Herrmann zur Last gelegten Gräueltaten an italienischen Kriegsgefangenen auf der Insel Kefalonia in Griechenland im Zweiten Weltkrieg, konnten auch in der umfangreichen Dokumentation von 2019 nicht nachgewiesen werden.

Diese Massaker wurden juristisch bereits in den Nürnberger Prozessen geklärt und der oberste deutsche Befehlshaber zu jenem Zeitpunkt zu einer äußerst milden Strafe verurteilt, welche später sogar noch teilweise erlassen wurde.

Weshalb also dieser ganze Rummel um eine kleine Nummer (Willi Herrmann) im Räderwerk des Nationalsozialismus mit einer satten Verspätung von 73 Jahren? Das ist ganz einfach zu erklären: Wäre er nur eine halbwegs große Nummer gewesen, dann würde auch in 1.000 Jahren keiner diesen Fall angerührt haben!

Die wirklich interessanten Geschichten an diesem alten Fall sind nämlich nur die über seine Vorgesetzten im Zweiten Weltkrieg. Einer seiner Vorgesetzten in Griechenland war damals Elmar Thurn im Rang eines Leutnants.

Ob er frei von Schuld war, ist noch eher zu bezweifeln als bei Willi Herrmann. Bei Befehlsverweigerungen deutscher Soldaten bei Geiselerschießungen, mussten immer die Vorgesetzten handeln.

Konkret hieß dies nichts anderes, als den Befehlsverweigerer zu bestrafen und dessen unerledigten Befehl selbst auszuführen oder ausführen zu lassen. Sonst war deren eigene Karriere mehr als nur gefährdet.

Es ist deshalb mehr als nur äußerst befremdlich, dass Elmar Thun später ohne jemals in Kriegsgefangenschaft zu geraten oder verurteilt zu werden, nahtlos ab Herbst 1945 bereits ein Jurastudium beginnen konnte.

Er beschäftigte sich später interessanterweise mit der Gerechtigkeit von Strafen im Wehrdienst und wurde ein hoher Richter am Bundesverwaltungsgericht.

Das war ein Skandal allererster Güte, weil er sich explizit in seiner Funktion als Leutnant an den Gräueltaten in Griechenland schuldig gemacht hatte.

Unter seinem Befehl wurden über 2.000 italienische Kriegsgefangene erschossen. Daraus konnte man sich eigentlich nicht mehr herausreden, aber alle Beteiligten taten das ganz augenscheinlich sehr erfolgreich.

Der oberste Vorgesetzte von Elmar Thurn und weit darunter Willi Herrmann war Hubert Lanz, der Kommandeur der 1. Gebirgs-Division der Wehrmacht “Edelweiß“ in Bad Reichenhall, einer noch heute existierenden Elitetruppe der Bundeswehr.

Er wurde im Nürnberger Prozess als Kriegsverbrecher verurteilt, musste seine Strafe jedoch nicht vollständig und ausgerechnet in Landsberg am Lech absitzen. Dort saß zuvor auch schon sein oberster Feldherr ein!

Er trug die dienstliche Verantwortung für die Kriegsverbrechen in Kefalonia in Griechenland. Der eigentliche Skandal mit dieser Personalie ist wiederum der, dass er in den fünfziger Jahren wehrpolitischer Berater der FDP wurde.

Außerdem gründete er den Traditionsverein “Kameradenkreis der Gebirgstruppe“ und gab sich damit ganz klar als Unbelehrbarer zu erkennen. Zahlreiche weitere Soldaten dieser Truppe machten übrigens später in der jungen Bundeswehr eine zweite große Karriere.

Die Säuberungen in Konstanz gingen mittlerweile munter weiter und umfassen prominentere Namen wie Conrad Gröber, Theodor Fontane und Paul von Hindenburg. Warum wurde eigentlich nicht schon lange die Musik von Richard Wagner verboten? Auch der regelmäßige Besuch von Politikern bei den Festspielen in Bayreuth ist eigentlich ein Unding oder auch nur der Gipfel der Scheinheiligkeit. Doch auch er gehört zu den Unantastbaren und muss deshalb weiterhin nichts fürchten.

Interessant ist in im Zusammenhang mit dem Fall Willi Herrmann auch das Buch „Blutiges Edelweiß“ von Hermann Frank Meyer. Das Massaker von Kefalonia ist in diesem Buch ab S. 295 sehr genau beschrieben. Seltsamerweise musste auch eine Privatperson dieses Thema aufarbeiten, weil es für deutsche Historiker anscheinend nicht interessant genug war.

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3 Gedanken zu „Ein klarer Freispruch für Willi Herrmann

  • Februar 11, 2019 um 10:08 pm
    Permalink

    Mit der Nachlässigkeit in Bezug auf seine Vorgesetzten mögen Sie recht haben, auch das ist ein Skandal. Aber inzwischen ist der ausführliche Bericht über Willi Herrmann veröffentlicht und zeigt, dass dieser eben nicht nur ein Mitläufer war oder „faul und träge“, sondern aktiv an den Kriegsverbrechen teilgenommen hat! Es ist also umso wichtiger, jetzt darüber zu schreiben und Konsequenzen zu ziehen, in diesem Fall ist dies die Verbannung seiner Lieder von (öffentlichen!) Fasnachtsveranstaltungen. Den eigentlichen Skandal finde ich, dass das alles erst jetzt zum Vorschein kam!

    Antwort
  • November 8, 2020 um 6:38 pm
    Permalink

    Ich_finde_es_nicht_in_Ordnung,dass_nach_so_vielen_Jahren_einfach_Liedgut_verboten_wird.In_keinem_Lied_ist_irgendetwas_davon_enthalten.Dann_müsste_aus_das_Suso_Gymnasium_abgerissen_werden.Man_muss_die_Geschichte_akzeptieren.Man_kann_dies_nicht_rückgängig_machen.

    Antwort
    • November 9, 2020 um 11:40 am
      Permalink

      Die Großen ließ man teilweise laufen und den kleinen gönnt man auch nach 75 Jahren keine Ruhe!

      Antwort

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